25 Jahre Mauerfall – meine Empfindungen als „DDR-Kind“

Nun ist seit 25 Jahren die Mauer geöffnet und die DDR als Staat quasi über Nacht verschwunden. Zum Mauerfall war ich 6 Jahre alt und habe bis zu meinem 20. Lebensjahr in Ostberlin gelebt. Wenn ich jetzt im Fernsehen die  Bilder und Interviews sehe, bin ich immer noch sehr berührt und mir kommen schnell die Tränen, wenn ich die Erleichterung sehe und mir das Ausmaß wieder klar wird. Gleichzeitig macht es mich sehr nachdenklich, denn auch die „Wiedervereinigung“ ist so ein langer, vielfältiger und oft auch ambivalenter Prozess. Deswegen finde ich es sehr wichtig, über solche Themen zu sprechen, zu lesen, zu schreiben und sich an die Vergangenheit(en) und auch die Gegenwart heranzutasten.

Meine DDR-Kindheit: in einer geteilten Stadt aufwachsen

Ich habe das Glück, zu jung gewesen zu sein, um persönliches Unrecht, Gewalt oder sonstiges Leid erfahren zu haben. In meiner Familie sieht das natürlich anders aus: Mein Vater durfte sein Abitur nicht machen, weil sein Vater nicht in der SED war, und konnte nur über Umwege studieren. Die Radarsysteme der NVA haben auch in meiner Familie zu schweren späten Gesundheitsschäden geführt. Bei meinen Großeltern saß einmal wochenlang die Stasi in der Küche. Ich habe Stasi-Akten gesehen, in denen Paketinhalte fotografiert waren von Dingen, die meine Oma in den Westen geschickt hat. Und ich habe natürlich als Kind mitbekommen, dass es eine 2. Welt gibt, jenseits der Mauer. Erste Besuche in Westberlin waren für mich sehr erwartungsvoll und schon als Kind von der Prophezeiung geprägt, dass man dort tolle Dinge kaufen könne. Für mich waren genau 2 Eindrücke prägend als Kind: Ich war verwundert, wie bunt und farbenfroh alles war, „drüben in Westberlin“. Und: Ich konnte nicht verstehen, warum es von jedem Produkt verschiedene Varianten gab. Warum reicht nicht eine Margarinensorte? (Das frage ich mich heute manchmal auch noch). Ansonsten war ich jedoch wenig beeindruckt.

Die Kulissen meiner Kindheit waren zwar nicht wie aus dem Bilderbuch, aber auf ihre Art „großstadtromantisch“: Wir haben auf hässlichen Friedrichshainer Hinterhöfen gespielt, sind über Baustellen geturnt und haben verfallene Häuser erkundet.

Die DDR-Mentalität für Kinder

Meine negativen Erinnerungen oder Gefühle bezogen auf die DDR betreffen die Erziehungsmentalität gegenüber Kindern, die mir sehr deutlich im Kopf geblieben ist und mein Selbstbewusstsein nicht gerade gefördert hat. Und vorweg gesagt: Mit der Wende war ja nicht alles „weg“ – die Konzepte, das Denken und die Mentalitäten blieben ja noch lang bestehen.

Mit 4 Monaten war ich in der Krippe, ab 2 Jahren glaube ich dann im Kindergarten. Meine Erinnerungen setzen sehr früh ein; ich kann mich noch an die Krippe und an den Wänden entlang aufgereihte Gitterbetten sowie den Geschmack von Babybrei erinnern. Der Kindergarten war sehr streng; ich musste gegen meinen Willen Schmalzbrote und Zungenwurst essen und jeden Morgen heiße Milch mit Pelle trinken. Mittagsschlaf auf harten Pritschen, die ich leider auch in der Schule nicht loswurde 😉 Wir hatten aber auch viel Spaß. In der Schule wurde es dann weiter sehr streng: Weiterhin Mittagsschlaf auf Pritschen, weiterhin Essenszwang und Eintragungen ins „Muttiheft“, wenn man nicht aufgegessen hat. Aber die für mich schlimmste Erfahrung war der übermächtige Kollektiv-Gedanke: Das Individuum zählte ihm gegenüber nicht viel. Da ich eine sehr gute, aber auch sehr freche Schülerin war, hatte ich genug Zeit, Blödsinn zu machen. Wurde man bei einer Verfehlung erwischt, wurde es unangenehm: Ich musste mich vor die gesamte schweigende Klasse stellen und beichten, was ich Falsches getan hatte. Ich habe mich oft verloren gefühlt. Allgemein habe ich eine sehr starke Tendenz erlebt, dass „persönliches Leid“ nichts zählt. Zähne zusammenbeißen und durch! Als ich mal durch eine Eisenstange verletzt wurde und eine Platzwunde im Mund hatte, ging keine der Hortnerinnen mit mir zum Arzt. Ich lief Stunden später allein nach Hause, wartete dort noch eine Stunde, bis meine Eltern von der Arbeit kamen und erst dann ging es ins Krankenhaus, wo ich genäht wurde. Auch einige Jahre nach dem Mauerfall, als ich mir als Kind das Handgelenk gebrochen hatte, war ich noch einige Tage damit in der Schule, bis am Wochenende meine Oma, die Krankenschwester war, mich ins Krankenhaus schickte, wo ich dann den Gips bekam. Wir DDR-Bürger waren also alles andere als Mimosen und gejammert werden durfte nicht. Ich erlebe das auch heute noch sehr stark bei meinen Eltern, die wenig Verständnis für Krankheit haben. Dies schlägt sich vor allem in der Arbeitsmentalität wieder, und selbst mir geht es noch so: Wenn ich krank bin und dann auch mal zuhause bleibe, habe ich ein schlechtes Gewissen und kaum die innere Ruhe, entspannt gesund zu werden. Gesund ist eine solche Mentalität nicht; ich glaube aber, sie resultierte auch aus Angst vor Jobverlust oder dem unausgesprochenen Tabu, Schwäche zu zeigen (denn für Schwäche habe zumindest ich als Kind wenig Verständnis oder Fürsorge erlebt, egal in welchen Bereichen).

Aber das Positive daran: Man wurde sehr früh selbstständig und wuchs mit einem modernen Frauenbild auf, denn die zuhausebleibende Hausfrau gab es im Osten kaum.

Die Wende: Befreiung und Entwertung

Der Mauerfall ist bis heute ein hochemotionaler Moment, und das natürlich zu Recht, darüber muss ich gar nicht viel schreiben. Dennoch war es auch ein Moment großer Unsicherheit: Was passiert mit Geld, Beruf und Zukunft? Viele haben viel verloren; zum Beispiel ihre Jobs – und standen dann vor dem Nichts. Und hinzu kam eine plötzliche Entwertung von allem, was man gewöhnt war und was zu einem gehörte. Auf einmal war alles schlecht: Der Osten rückschrittlich, unmodern, primitiv und hässlich. Und natürlich ist da auch was dran – unsere Tapeten waren hässlich, wir hatten kein Telefon, wir hatten nicht die schönsten Anziehsachen, aber trotzdem: Auch auf einem hässlichen Fußboden kann ein Kind laufen lernen und auch ohne viel Konsum glücklich sein. Aber natürlich haben nach der Wende auch sehr viele Ostdeutsche genossen, eine größere Auswahl zu haben und sich alles kaufen zu können, was man wollte und brauchte. Aber im Zuge dessen verschwand auch eine ganze Identität, alles wurde neu und schön, das Vertraute entsorgt. Ich empfinde das im Nachhinein als sehr radikal und genieße kleine „ostige“ Impressionen und alte Gegenstände- aber nicht, weil ich die DDR zurück will, sondern weil es die Athmossphäre und das Gefühl der Kindheit ist und eine alte, vertraute Welt, die einfach abgeschafft und ausgetauscht wurde. Wäre ich im Süden aufgewachsen, würden Palmen und Strand dieses Gefühl auslösen, es ist also keine politische Nostalgie, sondern eine ästhetische.

Meine Erfahrungen als „Ossi“

Bis heute treffen mich abwertende Aussagen, wenn über das Alltagsleben in der DDR herablassend gelacht wird. Während einer Exkursion von der Uni, als wir in dem Gebäude der Stasi-Unterlagen waren (bekannt als Gauck/Birthler-Behörde), haben meine westdeutschen Kommilitonen in den originalgetreuen DDR-Büros vor allem darüber gelacht, wie hässlich alles aussieht – während ich trotz der beklemmenden Geschichte ein heimeliges Gefühl hatte, da ich die vertraute Athmossphäre meiner Kindheit genossen habe. Solche und andere Reaktionen, die DDR-Bürger wegen Materiellem/Äußerlichen ins Lächerliche ziehen, empfinde ich als respektlos und verletzend. Wir waren doch keine schlechteren Menschen, nur weil wir weniger schöne Alltagsgegenstände hatten und keinem Konsumzwang verfallen konnten.

Ich bin erst im Westen zum Ossi geworden, als ich zum Studieren in eine andere Stadt gezogen bin. Bis dahin habe ich nie in Ost-West-Kategorien gedacht. Auf einmal war ich ein Ossi und andere waren dementsprechend Wessis – das war neu für mich, denn in Berlin habe ich nie diese Schubladen verwendet, auch wenn ich „Wessis“ kennengelernt habe; das war nie ein Thema, das war ganz unbewusst einfach egal. Und auf einmal werfen mir Gleichaltrige vor „Wir haben Euch doch das Geld in den Arsch geschoben“ oder haben Mitleid mit mir: „Das find ich ganz toll, dass Du hergekommen bist!„. Oder ich wurde gefragt: „Wo seid ihr denn nach der Wende hingezogen?“. Das war alles recht seltsam und auch deprimierend; aber ich muss dazu sagen, dass es auch eine kleine Stadt ist, wo viele vom Land kommen und wahrscheinlich einfach die Vorurteile ihrer Eltern reproduziert haben – und nicht einmal wussten, dass auch Ossis den Solidaritätsbeitrag zahlen.

Mein Rückblick und mein Fazit

Der Nationalsozialismus wurde bis heute nicht richtig aufgearbeitet, auch wenn viele Reportagen im Fernsehen laufen. Es wurde verdrängt, verborgen und Täter geschützt. Viel Unrecht ist bis heute nicht aufgearbeitet. Juristisch wie gesellschaftlich. Die gesellschaftliche Aufarbeitung ist schwierig, ebenso in Bezug auf in der DDR begangenes Unrecht. Sie muss immer differenziert erfolgen, ohne pauschale Verurteilung und ohne Verdrängung. Ich habe in der 12. Klasse erfahren, dass es Stasi-Gefängnisse gab, in denen gefoltert und getötet wurde. Ich habe dann die Gedenkstätte Hohenschönhausen besucht, die vielleicht 10 Kilometer entfernt war. Ich habe Vorträge über andere Stasigefängnisse besucht und war geschockt. Nicht zuletzt darüber, dass ich nichts davon wusste. Deswegen plädiere ich für unbürokratische Aufklärung und vor allem Bildungskonzepte. Gleichzeitig aber auch für Respekt vor Ostdeutschen. Pauschalurteile und -abwertungen sind zu bequem, um einer Wahrheitsfindung zu dienen. Und andere abzuwerten, um sich selbst aufzubauen, ist genauso blind. Zwar können wir als Deutsche dankbar sein, nicht (mehr) in einer Diktatur zu leben, aber auch unsere Gegenwart ist voller politischer und gesellschaftlicher Ideologien, und auch „bei uns“ wird unterdrückt, ausgegrenzt und Unrecht begangen, nur auf anderen Wegen und nicht offenkundig kriminell. Zu sagen, die DDR war schlecht, genügt dann nicht, wenn man unkritisch der eigenen Wirklichkeit gegenübersteht. Vergangenheiten, und gerade die schlimmen, sollten dazu dienen, die Freiheit der Menschen zu schätzen und für sie zu kämpfen. Eine selbstgefällige Feststellung, dass „die da drüben“ alles falsch gemacht haben, führt in die Irre, wenn man auch die eigene Gegenwart nicht infragestellt.

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3 Kommentare zu “25 Jahre Mauerfall – meine Empfindungen als „DDR-Kind“

  1. grünspan sagt:

    toll

    Gefällt mir

  2. […] Ein typisches Kinderessen in der DDR, die ja für ihre einfache aber auf jeden Fall auch leckere Küche bekannt ist 🙂 Auf jeden Fall hatte ich genau dieses Standardessen auf einmal wieder im Kopf, denn “früher” gab´s das ständig. Also habe ich es veganisiert und tata: Heute gab es Nudeln á la DDR 🙂 Und der vertraute Geschmack war definitiv wieder da (mehr Gedanken zur ostdeutschen Vergangenheit lest ihr hier)! […]

    Gefällt 1 Person

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