Teilzeit-Veganer, Flexitarier oder „Hardcore“ – Veganismus als Trend

…vorweg: müssen muss gar nichts. Zumindest nicht, weil irgendjemand es sagt oder ein Zwang von außen diktiert wird. Es gibt aber noch ein zweites Müssen- nämlich das, was von innen kommt und einen sein Handeln ändern lässt. Wenn aus „ich weiß, ich könnte oder sollte eigentlich…“ ein „ich tue es!“ wird, ändert sich das Leben und die Gewohnheiten. In Bezug auf Ernährung und Lebensweise erkennen immer mehr Menschen, dass unsere Normalität eine ziemlich schädliche ist – für unsere Gesundheit, die Umwelt in der wir leben und für die Tiere, die in unbeschreiblicher hoher Zahl und Intensität leiden müssen.

Vegan – der neue (alte) Trend

Als ich um die Jahrtausendwende nach mehreren Jahren als Vegetarierin meine ersten Anläufe im veganen Leben unternommen habe, sah es noch ziemlich trostlos aus. Im Supermarkt warteten Ritter Sport Marzipan und ein geschmacksloser Tofublock im Glas auf mich. Kochbücher gab es vor allem aus kleinen Selbstverlagen (z.B. den Klassiker vom Packpapierverlag), Gleichgesinnte nur im Internet. Immerhin, das war schon viel wert- aber verglichen mit heute eine einsame Wüste, obwohl ich nicht auf dem Land, sondern in Berlin gelebt habe.

Heute sieht das ganz anders aus; seit einigen Jahren gibt es einen regelrechten Veganismus-Boom: Die großen Buchketten haben eigene Abteilungen für vegane Kochbücher, Unis und Kantinen bieten vegane Alternativen an, Coffeeshops Sojamilch und in vielen Städten gibt es komplett vegane Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. Dieser Sprung innerhalb von nur etwas mehr als 10 Jahren ist nicht nur beachtlich, sondern revolutionär. Vor zehn Jahren gab es 2 oder 3 vegane Onlineshops, heute hat sich die Auswahl vervielfacht, und man braucht sie nichtmal mehr, weil man oft alles vor Ort vegan einkaufen kann.

Veganismus ist (fast) gesellschaftsfähig geworden

Zwar ist der Weg noch lang zum veganen Wohlfühlparadies, aber mittlerweile ist vegan zum Alltag geworden. Vegane Alternativen sind salonfähig und Teil der Normalität geworden. Zwar ist alles Vegane immer noch eine Randerscheinung und etwas Spezielles, ABER es existiert und gehört dazu. Viele Produkte werden explizit als vegan gekennzeichnet und in immer mehr Restaurants oder auch Fastfoodketten wird Platz für eine vegane Variante gemacht. Veganer als Zielgruppe sind nun also endlich entdeckt worden. Dennoch gibt es natürlich weiterhin Vorurteile und Klischees, was der Grund dafür sein mag, dass manche Firmen ihre veganen Produkte „nur“ als vegetarisch auszeichnen- doch ich bin zuversichtlich, dass auch das sich ändern wird, je mehr gesunde und gutgelaunte Veganer es gibt.

Imagewechsel – vom Gollum zum Sexsymbol

Das Klischee des Veganers hat wahrscheinlich jeder vor Augen: Er ist ein dünner, kränklicher und vor allem schlechtgelaunter linker Nörgler, der gerade noch pazifistisch genug ist, Dich nicht zu töten, wenn Du Lederschuhe trägst oder einen Döner isst.

Ein „militanter Veganer“ eben – ich kenne kein anderes Wort, das so direkt und häufig mit dem Attribut militant versehen wird. Aber nun gut, es gab und gibt eben „militante“ Veganer, was ja auch gar nicht verwunderlich ist, denn Veganer sind Menschen – und Menschen sind dafür bekannt, Überzeugungenauch mal militant zu vertreten.

Der Punkt ist, dass mit Veganismus heute nicht mehr Yogi-Tee und Räucherstäbchen, sondern oft eher Fitness und Lifestyle verbunden werden. Und das ist die eigentliche Revolution im gesellschaftlichen Denken! Die meiste Zeit meines veganen Lebens wurde ich gefragt: „Ist das nicht gefährlich?“, „Hast Du genug Eisen?“ und „Fehlt Dir nicht was?“ oder „Ich könnte das nicht!“. Seit 1-2 Jahren sprechen mich immer öfter Menschen an, die Tips haben wollen oder laut drüber nachdenken, veganes Essen auch mal zu probieren, um etwas für ihre Gesundheit zu tun. Sie versprechen sich von veganer Ernährung mehr Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Gewichtsverlust. Der Zweifel ist Interesse und sogar Begeisterung gewichen. Und gerade gestern hat mich ein Fleischesser in eine vegane Kochgruppe eingeladen, auf die er sich jeden Monat freut. Verkehrte Welt 🙂 -der Gollum ist sexy geworden und wird als Vorbild gesehen.

Bewusstsein(swandel)

Bewusstsein ist das große Stichwort, das diesen Trend beschreibt und das gleichzeitig hoffen lässt, dass es mehr als nur ein Trend ist, sondern ein wirklicher Wandel. Probleme wie Wohlstandskrankheiten, Übergewicht, Lebensmittelskandale, kritische Berichte über Tierhaltung und die Folgen für Mensch und Natur scheinen doch einen Weg in immer mehr Köpfe gefunden zu haben. Und ebenso die Erkenntnis, dass wir immer die Wahl haben. Ein Fleischesser, der sich für regionale und ökologisch erzeugte „Produkte“ entscheidet und auch mal auf Fleisch verzichtet, leistet nicht nur für sich einen guten Beitrag. Und er ist dabei, genau den Weg zu verlassen, den überzeugte Veganer so kritisieren: den des schonungslosen Massenkonsums auf Kosten von Tier und Umwelt. Zwar wird dieser Fleischesser wahrscheinlich nie ein Veganer, aber auch er kann sich hin zu mehr ökologischer und ethischer Verantwortung hin entwickeln. Ich bin der Meinung, dass das sehr viel wert ist, denn

Veganismus ist eine Philosophie der Veränderung, und diese kann auf vielen Ebenen und in unterschiedlich großen Schritten stattfinden.

Jedes Kilo Aldi-Hack weniger, jeder Salat statt Schnitzel und jeder gesparte Liter Milch sind ein Beitrag zur Abkehr vom bisherigen Mainstream, der so viel Schaden anrichtet. Das sollte ruhig mal gewürdigt werden 🙂

Attila-ismus oder: der Lifestyle-Veganer

Es nichtmal unbedingt der ethische oder ökologische Gedanke, der Menschen dazu bringt, sich für eine (teilzeit)vegane Lebensweise zu interessieren- Paradebeispiel für den Lifestyle-Veganer, der vor allem sich selbst und der Optimierung seiner Gesundheit zuliebe vegan lebt, ist Attila Hildmann. Vorweg gesagt- ich konnte ihn schon damals vor über zehn Jahren nicht leiden, als er noch unbekannt war und Kochvideos ins Netz gestellt hat. Und auch heute habe ich rein persönlich weder Interesse noch großartig Sympathie für ihn, aber das muss ich ja zum Glück auch nicht. Dennoch hat er es mitgeschafft, Veganismus aus der Ecke der freudlosen, suspekten Randerscheinung herauszuholen und als modernen Lifestyle zu präsentieren. Dass er sich davon einen Porsche mit Ledersitzen kauft, muss ich nicht beurteilen- aber wenn Leute wie er „normale“ Konsumenten dazu motivieren, tierischen Produkten den Rücken zu kehren, bin auch ich glücklich (ganz ohne Porsche).

Vielleicht eine Floskel, aber keine falsche: Den Tieren ist es egal, aus welchen Gründen sie nicht gegessen werden. Mir im Endeffekt auch, zumindest finde ich persönlich, dass es wichtigeres gibt als Grabenkämpfe darum, wer der bessere Veganer ist. Deswegen geht mir das Herz auf, wenn Fleischesser oder Vegetarier beginnen, sich für vegane Alternativen zu begeistern. Meine Vision als Veganerin ist keineswegs unglaubwürdig, wenn ich nicht von jedem Menschen auf der Welt verlange, vegan zu leben.

Entspannte „Hardcore-Veganer“

Als genau diesen würde ich mich bezeichnen: Mit Attila gesprochen bin ich zwar ein Müsli Jochen, aber ein stolzer! – beziehungsweise ein glücklicher 🙂 Denn ich lebe aus ethischen, politischen und ökologischen Gründen vegan und ziehe genau daraus meine Kraft und meine Bestätigung: Ich lebe in dem Bewusstsein, jeden Tag viele kleine sinnvolle Entscheidungen nicht nur für das Leben unzähliger Tiere, sondern auch für die Umwelt zu tun. Dass es meinem Körper damit sogar auch noch sehr gut geht, ist ein weiterer positiver Effekt, aber nicht der ausschlaggebende.

Gleichzeitig weiß ich, wieviel noch zu tun ist und dass das Projekt Bewusstsein und gesellschaftlicher Wandel noch ganz am Anfang steht – und vielleicht auch scheitert. Aber da wir gar keine andere Chance haben, als unsere Welt radikal zu verändern, um sie zu erhalten, freue ich mich über jeden kleinen Schritt, denn daraus können große werden.

Deswegen:

vfa

Advertisements

4 Kommentare zu “Teilzeit-Veganer, Flexitarier oder „Hardcore“ – Veganismus als Trend

  1. Stadtpflanze sagt:

    In meinen Augen hat jede Ernährungsform ihre Berechtigung. Das Wichtigste ist, sich darüber bewusst zu werden, was man isst – egal ob vegane Zusatzstoffe oder Billig-Schnitzel. Und sich zu überlegen warum man es isst.

    Oft lautet die Antwort: Gewohnheit. Die Gründe für das Hinterfragen der Gewohnheiten sind in meinen Augen erst einmal vollkommen egal, das sehe ich anscheinend ähnlich wie du. Und an dem Spruch, dass es den Tieren egal ist, warum sie nicht gegessen werden, ist auch was dran. 🙂

    Gefällt mir

    • jede Berechtigung – und die entsprechende Konsequenz 🙂 Ich glaube, das merken mittlerweile immer mehr Leute und werden sensibler.
      Je mehr Alternativen, desto einfacher. Ich würde auch so gern auf Plastik verzichten. Aber es fing schon mit meinem neuen Kühlschrank an- einen aus Chrom oder Edelstahl konnte ich mir leider nicht leisten.
      Aber mit dem Thema werde ich mich demnächst mal weiter beschäftigen, da hab ich auch noch einigen Handlungsbedarf…

      Gefällt mir

      • Stadtpflanze sagt:

        Ich denke, dass kleine Schritte immer ein guter Anfang sind. Beim Plastik kann es z.B. sein, auf Verpackungsmüll und Einweg-Plastik zu achten – so wie es auch eine gute Sache ist, wenn jemand der sonst sehr viel Fleisch isst, mal einen fleischfreien Tag einlegt.

        Man muss sich (in meinen Augen) ja nicht radikal für eines komplett und ohne Wiederkehr entscheiden. 🙂 Ich würde da auch einfach locker bleiben, auch wenn ich regelmäßig einen Rappel kriege, wenn etwas nicht so klappt, wie ich gerne hätte. 😉

        Gefällt mir

      • Ja, sich unter Druck zu setzen, bringt nichts, weil man im schlimmsten Fall resigniert. Ich mag auch die kleinen Schritte – hab zum Beispiel jetzt einen super Öko Spülschwamm 😉

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s