Warum es schön und schwer ist, vegan zu leben

Vorweg gesagt: ich für meinen Teil bin eine glückliche, recht entspannte und nicht militante Veganerin – um dem gängigen Klischee mal vorzugreifen (…was zwar leider immer wieder mal von anderen Menschen bestätigt wird, aber so sind eben Menschen!).

Ich lebe seit 16 Jahren vegetarisch und seit den letzten 5einhalb Jahren vegan. Davor habe ich es immer wieder erfolglos versucht und bin nach wenigen Monaten an Schokolade oder Käse – also am Heißhunger- gescheitert. Diesen Punkt hatte ich zum Glück irgendwann von ganz allein überwunden, als das Prinzip „Leben, ohne vermeidbares Tierleid zu produzieren“ so groß war, dass bloßer Appetit da nicht mehr dran rütteln konnte. Es ist ein innerer Prozess, und irgendwann war der Schalter umgelegt.

Verzicht?

Und um einem weiteren Klischee zuvorzukommen: Mir persönlich fehlt nichts. Ich verzichte nicht unter Qualen, ich entscheide mich einfach bewusst gegen jegliche Produkte für die Tiere leiden mussten, wenn ich sie umgehen kann. Genau das ist jeden Tag eine Bereicherung und auch ein Glücksgefühl bzw. eine Art Befreiung. Ich verzichte nicht, ich gewinne.

Andere Zeiten

Und das ist mittlerweile so einfach. Man kann eigentlich sagen, dass wir verglichen mit der Situation vor 15 Jahren heute schon in einer Art veganem Paradies leben. Es gibt vegane Supermärkte und Geschäfte, vegane Schuhhersteller, vegane Imbisse/Bistros/Restaurants, Unmengen an veganen Kochbüchern, Literatur und Internetseiten, vegane Kosmetik zum Niedrigpreis, vegane Prominente und allgemein mehr Akzeptanz der vegetarischen und veganen Lebensweise. Vor 15 Jahren fand ich im Supermarkt einen geschmacklosen Tofublock im Glas und sah (dennoch gerne) düstere Zeiten auf mich zukommen. Habe mich von Marzipankartoffeln und Rittersport ernährt. Heute esse ich die vegane Variante von Snickers, habe einen veganen Adventskalender, diverse Käsesorten und jeden PiPaPo den man sich nur wünschen kann. Ich kann mir sogar hier in der Kleinstadt Sonntagabends veganes Essen an den Sofatisch liefern lassen. Hallelujah 🙂

Community

Sicher ist es kein Zufall, dass Veganer nach und nach einen gleichgesinnten Freundeskreis haben, was aber keineswegs heißt dass man sich nur mit Veganern anfreundet. Dennoch ist es ein weiterer Glücksmoment, Freunde mit der gleichen Lebensweise zu haben. Nicht nur gemeinsame Fressorgien, sondern auch zum Erreichen von Zielen (z.B. Spendenaktionen oder anderweitige Hilfen). Gleichzeitig ist es mindestens genauso schön, wenn fleischessende Menschen sich auch öffnen für veganes Essen, Hilfsprojekte und ähnliche Themen. Dennoch ist gegenseitige Toleranz immer noch ein manchmal heikles Thema.

Nachteile

Ich gehöre nicht zu den Veganern, die jeden Tag und mit jedem über Veganismus reden wollen, denn ich sehe das als private Entscheidung und Teil meiner Unabhängigkeit, die ich auch jedem anderen zugestehen möchte. Leider ist aber die Diagnose „vegan“ oft damit verbunden, dass einem Diskussionen aufgedrängt werden oder Statements, die einen eigentlich gar nicht interessieren. Schnell finde ich mich dann in einer Rechtfertigungsposition und in latent angespannten Gesprächen wieder – und dort muss und möchte ich nicht sein. Ich habe noch nicht die Hoffnung, dass alle Menschen innerhalb kürzester Zeit vegan leben werden und deshalb  auch nicht den Drang, ungefragt Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein glückliches, entspanntes und gesundes (aber das sowie) Beispiel zu sein sehe ich als eine Art gewaltfreien Widerstand 😉 – und würde mich freuen, nicht ewig die Minderheit zu sein, die durch ihre bloße Existenz zu Rechtfertigung oder Gegenangriff aufzufordern scheint.

Aushalten

In der Praxis ist also gar nicht die Essenssuche das schwerste, sondern eher der Umgang mit Fleischessern.

Das  für mich wirklich schwere am veganen Leben, so sehr es mich auch ausfüllt und überzeugt, ist die Tatsache, in einer unveganen Welt zu leben. In dieser Welt fahren Tiertransporter an mir vorbei, in dieser Welt werden täglich Millionen Tiere getötet und gequält, es werden politische Entscheidungen getroffen die zum Himmel schreien, in dieser Welt wird unsere Lebensgrundlage zerstört, in dieser Welt werden Tiere sadistisch misshandelt und gequält und dieser Welt steht man immer wieder ohnmächtig gegenüber.

Ich halte nichts davon, z.B. auf Facebook den halben Tag mit schrecklichen Bildern um sich zu werfen. Es ist schwer genug, nicht manchmal zu verzweifeln und wütend zu sein. Nicht das Vegansein an sich ist schwer: Das Vegansein in dieser Welt ist schwer.

Meine Welt ist nicht heile, weil ich vegan lebe, sie ist das Gegenteil. Aber man darf sich nicht vergiften lassen. Deswegen wird es hier auch keine Sammlungen grauenhafter Bilder geben (außer eine in den nächsten Tagen), sondern eher Informationen und Anregungen, konstruktiv leben und handeln zu können, denn es lohnt mehr, auf die Erfolge und Ziele zu schauen, als im Elend zu baden. Das ist eine Form von Selbstschutz, und diese finde ich sehr wichtig.

vegansticker

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